Putin über den Westen: „Den Dschinn aus der Flasche gelassen“

Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte, dass die westlichen Staaten nach dem Zerfall der UdSSR versucht hätten, die Regeln der internationalen Beziehungen an ihre eigenen Interessen anzupassen. Am Beispiel der in Jugoslawien getroffenen Entscheidungen verglich er diesen Prozess damit, „den Dschinn aus der Flasche zu lassen“.
Dies ist jedoch die politisch-rechtliche Interpretation des russischen Staatschefs. Die Ereignisse in Jugoslawien, insbesondere die Frage der Rechtmäßigkeit der NATO-Militäroperation von 1999, bleiben eines der umstrittensten Themen im Völkerrecht.
Was genau hat Putin gesagt?
Die Erklärung erfolgte am 26. Juli 2026 in Sankt Petersburg bei einem Treffen mit Angehörigen der russischen Kriegsmarine. Putin betonte, dass die internationale Nachkriegsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Charta der Vereinten Nationen aufgebaut wurde.
Seiner Ansicht nach begannen die westlichen Länder, die sich nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion als Sieger des Kalten Krieges sahen, die geltenden Regeln neu zu interpretieren.
„Es wurden Entscheidungen getroffen, die überhaupt nicht zur UN-Charta passen. Sie haben einfach den Dschinn aus der Flasche gelassen“, sagte Putin.
Als markanteste Beispiele für solche Entscheidungen nannte der russische Präsident die Ereignisse in Jugoslawien und die Aufteilung des serbischen Volkes auf verschiedene staatliche Gebiete.
Welche Rolle spielte die UdSSR in der UN?
Die Sowjetunion war ab dem 24. Oktober 1945 eines der Gründungsmitglieder der Vereinten Nationen. Sie gehörte zu den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats und verfügte über ein Veto-Recht.
Nach dem Zerfall der UdSSR teilte Boris Jelzin am 24. Dezember 1991 dem UN-Generalsekretär mit, dass die Mitgliedschaft der Sowjetunion in der Organisation, einschließlich im Sicherheitsrat, von der Russischen Föderation fortgeführt wird. Diese Entscheidung wurde von 11 GUS-Staaten unterstützt.
Folglich hat Russland den Sitz der UdSSR in der UN, den Status des ständigen Mitglieds und das Veto-Recht behalten. Putins Worte bedeuten nicht, dass offizielle Rechte aberkannt wurden; sie stellen vielmehr ein politisches Argument dar, wonach der Westen versucht habe, den internationalen Einfluss Russlands zu verringern.
Warum wurde Jugoslawien als Beispiel genannt?
Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien war ebenfalls eines der ursprünglichen UN-Mitglieder. Als das Land zu Beginn der 1990er Jahre zerfiel, entstanden an seiner Stelle Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien und andere Staaten.
Putins Kritik richtet sich hauptsächlich gegen den Kosovo-Konflikt und die 1999 von der NATO gegen Jugoslawien eingeleitete Luftoperation.
Die NATO begründete den Militäreinsatz mit der Notwendigkeit, die Gewalt im Kosovo zu stoppen, eine humanitäre Tragödie zu verhindern und eine politische Einigung zu erzielen. Das Bündnis warf den serbischen Kräften damals den Einsatz übermäßiger Gewalt gegen Zivilisten vor.
Hat die UN den NATO-Einsatz genehmigt?
Die größte rechtliche Debatte entbrannte genau um diese Frage.
Als die NATO im März 1999 Luftangriffe startete, war keine neue Resolution des UN-Sicherheitsrats verabschiedet worden, die den Einsatz militärischer Gewalt ausdrücklich erlaubte. Der damalige NATO-Generalsekretär Javier Solana erklärte offen, dass eine Billigung dort aufgrund eines absehbaren Widerstands im Sicherheitsrat unmöglich gewesen wäre.
Nach dem Ende der 78-tägigen Luftkampagne wurde am 11. Juni 1999 die Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrats angenommen. Diese erlaubte die Stationierung internationaler Sicherheitskräfte im Kosovo, einschließlich der von der NATO geführten KFOR-Mission.
Aus diesem Grund gibt es zwei unterschiedliche Sichtweisen auf das Ereignis:
Russland und eine Reihe von Juristen betonen, dass die NATO-Angriffe im Widerspruch zur UN-Charta standen, da sie ohne das Mandat des Sicherheitsrats durchgeführt wurden;
während die NATO-Staaten den Einsatz als außergewöhnliche Maßnahme rechtfertigen, die zur Beendigung einer humanitären Katastrophe notwendig war.
Was sagt die UN-Charta über den Einsatz von Gewalt?
Artikel 2 der UN-Charta untersagt den Staaten die Anwendung von Gewalt oder die Androhung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines anderen Landes.
Die wichtigsten rechtlichen Grundlagen für den Einsatz militärischer Gewalt im Völkerrecht sind:
die Ausübung des Rechts auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung, wenn ein Staat Ziel eines bewaffneten Angriffs wird;
die Ermächtigung zu militärischen Maßnahmen durch den UN-Sicherheitsrat zur Wiederherstellung des Friedens.
Das Recht auf Selbstverteidigung ist in Artikel 51 der Charta verankert. Der Sicherheitsrat wiederum kann Zwangsmaßnahmen nach Kapitel VII anwenden.
Eine „humanitäre Intervention“ ist in der UN-Charta nicht als eigenständiger und klarer Grund aufgeführt. Daher wurde das Kosovo-Ereignis zu einem umstrittenen Präzedenzfall, der von den Parteien in späteren militärischen Konflikten unterschiedlich interpretiert wird.
Was bedeutet der Ausspruch „Der Dschinn ist aus der Flasche“?
Nach Putins Logik kann, wenn eine Gruppe von Staaten unter Umgehung gemeinsamer Regeln Gewalt anwendet, dies in Zukunft auch andere Länder dazu verleiten, ihre eigenen Handlungen auf dieselbe Weise zu rechtfertigen.
Mit anderen Worten: Der „Dschinn“ ist nicht ein einzelner Militäreinsatz, sondern die Gewohnheit, Regeln je nach Situation und Interesse unterschiedlich anzuwenden.
Diese Sichtweise wurde in der russischen außenpolitischen Rhetorik bereits mehrfach geäußert. Neben Jugoslawien hat Putin auch westliche Operationen im Irak und in Syrien immer wieder mit der Frage der Befugnisse des Sicherheitsrats in Verbindung gebracht.
Auch Russland wird dieselbe Frage gestellt
Putin wirft dem Westen eine selektive Anwendung des Völkerrechts vor. Moskaus Kritiker wenden jedoch exakt dieselben Maßstäbe auf Russlands eigene militärische Handlungen an.
Dies verdeutlicht den grundlegenden Widerspruch in den internationalen Beziehungen: Großmächte behaupten, die UN-Charta zu verteidigen, doch jede bemüht sich darum, ihre eigenen Handlungen mit besonderen historischen, sicherheitspolitischen oder humanitären Gründen zu erklären.
Daher dreht sich die Debatte nicht nur um die Frage „Wer hat zuerst gegen die Regel verstoßen?“ Das Hauptproblem ist, ob eine von einem Staat geschaffene Ausnahme später als Rechtsgrundlage für einen anderen Staat dienen kann.
Warum ist die Erklärung jetzt wichtig?
Putins Worte zeigen, dass der Konflikt zwischen Russland und dem Westen nicht nur auf die Ukraine oder Sanktionen beschränkt ist. Die Parteien stehen sich in der Frage, wie das gesamte nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene internationale System funktionieren soll, in entgegengesetzten Positionen gegenüber.
Russland erklärt, es trete für eine multipolare Welt und gleiche Regeln für alle Staaten ein. Die westlichen Länder begründen ihre Handlungen hingegen mit der Notwendigkeit von Sicherheit, Menschenrechten und der Beendigung humanitärer Krisen.
Putins Ausspruch „der Dschinn ist aus der Flasche“ drückt genau diese Vertrauenskrise aus: Staaten glauben den rechtlichen Argumenten der Gegenseite nicht mehr, und jede Seite wirft ihrem Kontrahenten die Anwendung von Doppelmoral vor.
Hauptfazit
Putin wertete die Ereignisse in Jugoslawien als den Wendepunkt, an dem der Westen von der auf der UN-Charta basierenden internationalen Ordnung abwich.
Die NATO-Angriffe von 1999 begannen tatsächlich ohne eine spezielle Resolution des UN-Sicherheitsrats, die den Gewalteinsatz autorisierte. Die NATO begründete diese Entscheidung jedoch mit der Notwendigkeit, die humanitäre Krise im Kosovo zu stoppen.
Daher enthält Putins Erklärung Ereignisse, die als Grundlage für rechtliche Debatten dienen können, doch die Schlussfolgerung, dass „der Westen das Völkerrecht völlig zerstört hat“, wird als politische Interpretation angesehen.
Ist es Ihrer Meinung nach zulässig, ohne UN-Genehmigung Gewalt einzusetzen, um eine humanitäre Tragödie zu stoppen, oder ist ein Beschluss des Sicherheitsrats in jedem Fall zwingend erforderlich?


















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